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Definition Mastozytose
 
                                                                                                               Andrea König


Mastzellen gehören zu unserem Abwehrsystem. Sie stammen aus dem Knochenmark und wandern als unreife Vorläuferzellen ins Gewebe, weil sie dort unter anderem für die Abwehr zuständig sind. Im Gewebe kommen sie gerne rund um Gefäße und Nerven vor. Im Blut selbst findet man sie dagegen normalerweise nicht. Darum kann der Nachweis von Mastzellen nur durch eine Biopsie (Haut-, Knochenmark-, Magen-Darm-, Leberbiopsie), nicht aber durch eine Blutentnahme erfolgen. Mastzellen haben chemische Stoffe in sich, die Mediatoren und Zytokine genannt werden. Im Rahmen der Abwehr setzen sie diese Stoffe ins Gewebe frei.

Im Rahmen der Mastozytose wird zwischen der Diagnose der reinen Hautmastozytose und derjenigen der systemischen Mastozytose unterschieden. Dies bedeutet, dass ein Patient entweder die Diagnose der Hautmastozytose erhält oder aber diejenige der systemischen Mastozytose. Letztere Diagnose bekommt er, sobald eine Biopsie eines inneren Organes (i.d.R. Knochenmark) entsprechend den Diagnose-Kriterien positiv ist. Ein Patient mit systemischer Mastozytose kann eine Hautbeteiligung haben oder auch nicht.
 
Erwachsene haben in der Regel eine systemische Mastozytose (ISM). In den meisten Fällen ist diese mit einer Hautbeteiligung verbunden. Finden sich bei einem Patienten keine Hautmanifestationen, so erschwert dies die Diagnose der systemischen Erkrankung.
Im Körper eines Patienten mit systemischer Mastozytose befinden sich neben „normalen“ Mastzellen, wie sie bei jedem Menschen vorkommen, noch weitere so genannte „neoplastische“ Mastzellen. Dies bedeutet, dass ein Patient mit systemischer Mastozytose unter einer abnormen Vermehrung von neoplastischen Mastzellen leidet. Da die Mastzellen aus dem Knochenmark stammen, gehört die systemische Mastozytose zu den hämatologischen Erkrankungen. Sie wird den chronisch myeloproliferativen Syndromen zugeordnet.

Die genaue Ursache der systemischen Mastozytose ist noch nicht wirklich bekannt. Bei den meisten Patienten mit dieser Form der Mastozytose scheint unter anderem eine nicht erbliche, genetische Mutation im KIT Gen als Auslöser für die Erkrankung in Frage zu kommen. Das heißt, dass die gesamte Krankheit von einer einzigen, neoplastischen oder abnormen Mastzelle bzw. Mastzellvorstufe (Klon) ausgeht. Die Mastzellvermehrung kann in einem oder in mehreren Organen erfolgen. 


Einschub: KIT Mutation

Auf der Mastzelloberfläche befindet sich der Wachstumsrezeptor KIT. Dieser Wachstumsrezeptor ist dafür verantwortlich, dass sich die Zelle vermehrt und auch, dass sie ihre chemischen Stoffe (Mediatoren und Zytokine) ausschüttet, sobald sich der entsprechende Wachstumsfaktor (= Stammzellfaktor SCF) an diesen KIT Rezeptor bindet. Ein Teil des KIT Rezeptors führt in die Mastzelle hinein. Dieser Teil wird „Tyrosinkinase Domäne“ genannt. Aus diesem Grund gehört der KIT Rezeptor zur Familie der Tyrosinkinasen. Die Tyrosinkinase selbst ist ein Eiweiß. Sobald nun der Wachstumsfaktor (Stammzellfaktor SCF) an die äußere Bindungsstelle des KIT Rezeptors bindet, wird die Tyrosinkinase Domäne im Zellinneren aktiviert. Die Aufgabe der Tyrosinkinase ist es, die Vermehrung, den Stoffwechsel und den Zelltod der Mastzelle zu kontrollieren. Bei der gesunden Mastzelle funktioniert dies gut.


Bild1

Im Zellkern der Mastzellen befinden sich Chromosomen und Chromosomen enthalten Gene. KIT ist das Protoonkogen, das für KIT kodiert. (Vergleichbar mit einem bestimmten Gen, das z.B. für unsere Augenfarbe verantwortlich ist.) In KIT kann es zu einer Punktmutation kommen, im Falle der Mastozytose ist dies zumeist die Mutation D816V. Kommt es zu dieser Mutation, so wird das Protoonkogen KIT zum Onkogen, und es findet auch eine Veränderung im KIT Rezeptor statt. Diese Veränderung äußert sich in einer stets aktiven Tyrosinkinase. Die stetige Aktivität führt zu einer unkontrollierten Vermehrung und gleichzeitig zu einem verzögerten Tod der Mastzelle. Nun spricht man von einer „neoplastischen Mastzelle“.


Die systemische Mastozytose verläuft zumeist indolent. Es ist möglich, dass eine Form in eine andere übergeht, aber in der Regel ist die Prognose gut, und es kann von einer normalen Lebenserwartung ausgegangen werden.

Kinder haben im Gegensatz zu den Erwachsenen fast immer eine reine Hautmastozytose. Bei der Hautmastozytose handelt es sich um eine gutartige Erkrankung. Hier kommen die Mastzellen lediglich in der Haut vor, nicht aber in den inneren Organen. Die Entstehung der Hautmastozytose ist noch nicht völlig geklärt. Vereinzelt wurden auch bei Kindern Mutationen gefunden. Zum Teil besteht die Erkrankung seit der Geburt, meistens tritt sie in den ersten beiden Lebensjahren auf. In weiteren Fällen beginnt sie zwischen dem zweiten und 15. Lebensjahr. Die kindliche Mastozytose heilt in 50% der Fälle rund um die Pubertät aus. Tut sie dies nicht, wird sie als kutane oder systemische Mastozytose ins Erwachsenenalter übernommen.  

In der Regel ist eine Mastozytose nicht vererbbar. Eine familiäre Häufung der Erkrankung findet sich nur in weniger als 1:1000 Fällen aller Mastozytosepatienten.



WHO-Klassifikation der Mastozytose


Hautmastozytose (CM)
- Maculopapulare cutane Mastozytose (MPCM)
  (früher: Urtikaria pigmentosa (UP))
- Diffuse kutane Mastozytose (DCM)
- Mastozytom

Systemische Mastozytose (SM)
- Indolente systemische Mastozytose (ISM)
          - Isolierte Knochenmarksmastozytose (BMM)
          - Schwelende systemische Mastozytose (SSM)
- Systemische Mastozytose mit einer begleitenden Bluterkrankung (SM-AHNMD)
- Aggressive systemische Mastozytose (ASM)
- Mastzellleukämie (MCL)
- Mastzellsarkom
- Extrakutanes Mastozytom



Hautmastozytose (CM)
Die Diagnose erfolgt durch eine Biopsie der typischen Hautveränderungen (Siehe: Diagnose) und durch Ausschluss der Systemischen Mastozytose.


• Maculopapulare cutane Mastozytose (MPCM)
   (früher: Urtikaria pigmentosa (UP))

Die Urtikaria pigmentosa ist die häufigste Form der kutanen Mastozytose und auch diejenige Form, die am häufigsten bei Kindern vorkommt. Die UP kann zum Teil bis ins Erwachsenenalter fortbestehen, sie kann aber auch bei Jugendlichen und seltener bei Erwachsenen neu auftreten. Die unterschiedlich großen, rötlich-braunen Flecken oder kleinen Knötchen werden am ganzen Körper, sowie in den Schleimhäuten vorgefunden. Gesicht, Kopfhaut, Handinnenflächen und Fußsohlen bleiben dabei zumeist ausgeschlossen. Die Flecken sind flach oder etwas erhaben. Bei Stimulation leuchten sie rot. Bei Säuglingen und Kleinkindern können sich auch Blasen bilden. Diese Neigung verschwindet bis zum 2. Lebensjahr.


• Diffuse kutane Mastozytose (DCM)
Die diffuse kutane Mastozytose kommt seltener vor als die UP. Auch hier sind die meisten Patienten Kinder. Bei Erwachsenen wird diese Form der Mastozytose nur sehr selten vorgefunden. Der Mastzellanteil in der Haut ist sehr hoch, deshalb kann diese elefantenhautartig verdickt, rötlich-braun pigmentiert sein oder wie Orangenhaut aussehen. Blasen treten in der Kindheit häufig auf. Aufgrund der großen Mastzelllast können systemische Symptome (z.B.: Durchfälle, Magen-Darm-Blutungen) vorkommen.


• Mastozytom
Das Mastozytom kommt fast nur bei Kindern vor und verschwindet beinahe immer vor der Pubertät. Es handelt sich um eine gutartige (benigne), geschwulstartige Wucherung von Mastzellen. Diese Wucherung kommt in Form von einzelnen oder vielen großen, deutlich abgrenzbaren Herden, die bis zu 5 cm groß sein können, vor. Bevorzugt treten diese Wucherungen, die auch als benigne Hauttumore bezeichnet werden, an den Extremitäten auf. Sie erscheinen als knotiger oder plattenartiger Herd in orange-gelber bis rötlich-brauner Farbe. Bei Stimulation wird der Hauttumor rot. Auch hier können sich in der Kindheit Blasen bilden.




Systemische Mastozytose
Eine Systemische Mastozytose (SM) ist eine Mastzellvermehrung in einem oder mehreren Organen mit oder ohne Hautbeteiligung.
Dazu müssen die Diagnose Kriterien der Systemischen Mastozytose erfüllt sein:
Diese sind dann erfüllt, wenn das Hauptkriterium und eines der Nebenkriterien erfüllt werden. Oder wenn stattdessen nur drei der Nebenkriterien vorhanden sind. (Die Kriterien gelten sowohl für Biopsien des Knochenmarks als auch für Biopsien anderer extra kutaner Organe.)


Hauptkriterium
Das Vorhandensein vieler dichter Mastzellinfiltrate (> 15 Mastzellen).

Nebenkriterien
1. Mehr als 25% der Mastzellen haben eine atypische Form: spindel-
    oder ovalförmig.(Normalerweise sind Mastzellen rund.)
2. Auffinden der KIT Mutation im Codon 816.
3. CD2 und/oder CD25 werden auf der Mastzelloberfläche dargestellt.
4. Tryptase > 20 ng/ml.


• Indolente systemische Mastozytose (ISM)
Diese Patienten erfüllen die Diagnose Kriterien der systemischen Mastozytose (Siehe oben).

Die Knochenmarksinfiltration ist < 30%.
Der Mastzellanteil im Ausstrich des Knochenmarkaspirats ist < 20%.
(Bei den meisten Patienten ist der Anteil < 5%.)

Die meisten Patienten haben eine Hautbeteiligung. Mastzellinfiltrate können zwar Leber, Milz und Lymphknoten vergrößern, trotzdem ist die Prognose bei einer normalen Lebensdauer gut.


        • Unterklasse: Isolierte Knochenmarksmastozytose (BMM)
        Diese Patienten erfüllen lediglich drei Nebenkriterien der systemischen
        Mastozytose (Siehe oben). 

        Tryptase < 30 ng/ml
        Keine Hautbeteiligung
        Keine weiteren Organbeteiligungen


        • Unterklasse: Schwelende systemische Mastozytose (SSM)
        Diese Patienten erfüllen die Diagnosekriterien der systemischen Mastozytose
        (Siehe oben).
       
        Der Mastzellanteil im Ausstrich des Knochenmarkaspirats ist < 20%.

        Im zirkulierenden Blut dürfen keine Mastzellen gefunden werden.
        Die Kriterien der Aggressiven Systemischen Mastozytose oder einer Mastozytose
        mit begleitender Bluterkrankung dürfen nicht erfüllt sein.

        Weiter müssen mindestens zwei der folgenden drei Kriterien (B-Findings)
        erfüllt sein:
        1.) Die Knochenmarksinfiltration ist > 30% und die Tryptase > 200 ng/ml.          
        2.) Im Knochenmark sind einige abnormale Zellen vorhanden (die aber nichts 
        mit einer begleitenden Bluterkrankung zu tun haben), das Blutbild ist 
        normal oder leicht abnormal.
        3.) Vergrößerte Leber mit normaler Leberfunktion und/oder vergrößerte Milz
        und/oder vergrößerte Lymphknoten (im CT oder Ultraschall > 2 cm).


• Systemische Mastozytose mit einer begleitenden Bluterkrankung,
genauer: SM mit assoziierter klonaler hämatologischer Nicht-Mastzell-Erkrankung (SM-AHNMD)
Diese Patienten erfüllen die Diagnosekriterien der systemischen Mastozytose (Siehe oben).

Und sie erfüllen die WHO-Kriterien des myelodysplastischen Syndroms, des myeloproliferativen Syndroms, einer akuten myeloischen Leukämie oder des Non-Hodgkin- Lymphoms.

Diese Patienten haben zum Teil keine Hautbeteiligung.
Eine erfolgreiche Behandlung der hämatologischen Erkrankung schließt bisher eine ebenso erfolgreiche Behandlung der systemischen Mastozytose nicht mit ein.


• Aggressive systemische Mastozytose (ASM)
Diese Patienten erfüllen die Diagnose Kriterien der systemischen Mastozytose (Siehe oben).

Die Mastzellanzahl im Ausstrich des Knochenmarkaspirats ist < 20%.
Im zirkulierenden Blut dürfen keine Mastzellen gefunden werden.

Weiter muss mindestens eines der folgenden sechs C-Findings erfüllt sein:
1.) Zytopenie: Hb < 10g/dl; Thrombozyten < 100.000/μl; Anzahl der neutrophilen
Granulozyten < 1.000/μl
2.) Eine vergrößerte Leber mit beeinträchtigter Leberfunktion (Aszites – Bauchwasser).
3.) Eine vergrößerte Milz mit eingeschränkter Funktion.
4.) Malabsorption (gestörte Aufnahme von Nährstoffen) mit Gewichtsverlust
auf Grund der Mastzellinfiltration des Magen-Darm-Traktes.
5.) Skelettbeteilligung mit großen Osteolysen (Auflösung und Abbau der
Knochensubstanz an einzelnen Stellen) und/oder pathologischen Brüchen
auf Grund von Osteoporose (generalisierter Knochenschwund).
6.) Andere Innere Organe, die auf Grund von Mastzellinfiltration so betroffen sind,
dass eine Beeinträchtigung der Organfunktion hervorgerufen wird.

Diese Patienten haben für gewöhnlich keine Hautbeteiligung.
Die Prognose ist ungünstig.


• Mastzellleukämie (MCL)
Diese Patienten erfüllen die Diagnosekriterien der systemischen Mastozytose (Siehe oben).

Die C-Findings werden praktisch immer erfüllt.

Die Mastzellanzahl im Ausstrich des Knochenmarkaspirats ist > 20%.
Im zirkulierenden Blut sind oft zirkulierende Mastzellen zu finden, deren Form und Zellkerne maligne Züge tragen.

Diese Patienten erfüllen die Kriterien einer begleitenden Bluterkrankung nicht.
Diese Patienten haben niemals eine UP-artige Hautbeteiligung.
Die Prognose ist schlecht.


• Mastzellsarkom
Diese Patienten erfüllen die Diagnose Kriterien (Siehe oben) der systemischen Mastozytose NICHT.

Es handelt sich um einen unifokalen, soliden Mastzelltumor.
Der Tumor besteht aus stark atypischen, malignen Mastzellen.

Bisher sind nur drei Fälle mit Mastzellsarkom bekannt. Der Tumor befand sich innerhalb des Schädels, im Larynx (Kehlkopf) und Kolon (Dickdarm).

Diese Patienten haben keine Hautbeteiligung.
Die Prognose ist schlecht.


• Extrakutanes Mastozytom
Diese Patienten erfüllen die Diagnose Kriterien (Siehe oben) der systemischen Mastozytose NICHT.

Hier handelt es sich um einen sehr seltenen, gutartigen, unifokalen Mastzelltumor, der sich außerhalb der Haut (v. a. in der Lunge) befindet, und der kein aggressives Wachstum zeigt.

Diese Patienten haben keine Hautbeteiligung.
Die Prognose ist gut, bisher wurde kein Fortschreiten der Erkrankung beobachtet.



Literatur
Europäisches Kompetenznetzwerk Mastozytose: Mastozytose. http://www.univie.ac.at/ecnm/.

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